Zum Imbiss über die Grenze

Kaum in der laotischen Hauptstadt Vientiane angekommen, müssen wir gemäss Einreisestempel das Land bereits wieder verlassen (15 Tage Aufenthalt ohne Visum). Thailand liegt zwar nur einen Schattenwurf entfernt am anderen Ufer des Mekong, der nächste Grenzübergang befindet sich allerdings um die 30 km entfernt bei der sogenannten Friendship Bridge No. 1. Der Plan ist nun einen der typischen halbautomatischen asiatischen Scooter zu mieten, über die Grenze nach Thailand zu fahren und neu in Laos einzureisen mit weiteren 15 Tagen Aufenthalt. So weit so gut.

Normalerweise wird bei der Töffmiete der Pass oder Führerschein als Depot verlangt, was natürlich nicht so ideal ist, wenn man über die Grenze will. Dieses Problem lässt sich einfach lösen, indem wir bei unserem Guesthouse mieten, wo man keine Sicherheiten verlangt (man kennt sich ja). Leider verfügt dort nur eines der erhältlichen Modelle über den Luxus eines Nummernschilds und es ist auch noch das mit Abstand schlechteste Modell in üblem Zustand. Wir nehmen jedoch mit diesem Zweirad vorlieb, weil wir uns kaum Chancen ausrechnen, ohne Nummernschild über die Grenze zu kommen.

Nach einigem Murksen mit dem Kickstart beginnt der Töff zu schnurren und wir brechen in holpriger Fahrt auf Richtung Brücke. Trotz wenig Luft rollt das Gefährt brav geradeaus. Doch zu früh gefreut: Nach knapp 1 km ist der Tank leer… Es ist eine asiatische Unsitte, dass Scooter immer mit praktisch leerem Tank vermietet werden. Bis jetzt hatte der Rest Benzin eigentlich immer bis zur ersten Tankstelle gereicht; nicht so an diesem Tag. Wäre ja eigentlich gar nicht so schlimm. Zu allem Übel können wir mit dem verrosteten und verbogenen Schlüssel doch nicht einmal den Tankdeckel öffnen. So stehen wir also mitten in der Rushhour auf einer Hauptstrasse in Vientiane mit verschlossenem Tank und weit und breit keine Tankstelle, auch keine der sonst ubiquitären Flaschentankstellen, die man in den meisten einfacheren Ländern findet (ein Kiosk mit in Petflaschen abgefülltem Benzin – meist sehr stark verdünnt, vom Kauf wird abgeraten). Ich gehe also zurück zum Guesthouse und mit ein bisschen Gebastel und Hilfe von aussen bringen wir dann unser Gefährt doch noch zum Laufen.

Nach einigen zusätzlichen Irrwegen (traue niemals einem Strassenschild oder der Skalierung einer Karte), erreichen wir aber am späten Vormittag endlich die Friendship Bridge No. 1 über den Mekong. Geplant war nun diese mit unserem Töffli zu überqueren und in Thailand eine Runde zu drehen. Auf der Brücke gibt es denn auch eine offizielle Motorradspur, jedoch dicht gefolgt von einem Verbotsschild für Motorräder. Auf Anfrage begegnen die diversen Grenzposten der leichten Widersprüchlichkeit dieser Situation mit freundlicher Unwissenheit. Nun gut, wir lassen unsere Pässe vom Passbüro abstempel und versuchen unser Glück mit dem Töff. Der Grenzpolizist bei der Schranke vor der Auffahrt zur Brücke kontrolliert zuerst unsere Pässe, alles in Ordnung. Dann nimmt er unser Gefährt kritisch unter die Lupe. Kontrollblick hinten – ja wir haben ein Nummenrschild. Dann entdeckt er aber den Aufkleber unseres Guesthouses, woraufhin er die Passage trotz allem freundlichen Insistieren, Lächeln und gespielter Unwissenheit nicht gestattet. Offenbar will man keine Miettöfflis über die Grenze passieren lassen.

Also gehen wir halt zu Fuss durch die Kontrolle und nehmen den günstigen Shuttle-Bus über die Brücke. Nach der Immigration in Thailand gönnen wir uns endlich ein Thai Zmittag im einfachen Restaurant neben den Grenzposten. Am “7-Eleven” Supermarkt ist nun auch zweifelsfrei zu erkennen, dass wir wieder in Thailand sind. Von der Warenvielfalt fast erschlagen werden wir uns einig, dass diese kleinen Läden eines der Dinge sind, die wir an Thailand lieben. In Bangkok gibt es die Läden ca. alle 200 m, es ist also eine der wenigen Städte weltweit, wo man immer an günstiges Wasser kommt und nicht verdursten muss.

Nach dem Lunch geht es zurück über die Brücke, wir kriegen wieder einen 15 Tage gültigen Einreisestempel für Laos und unser “Boarder-run” kann doch noch erfolgreich abgehackt werden. Zum Buddha-Park in der Nähe schaffen wir es leider nicht mehr, da wir vom Regen überrascht werden und die Strasse unzumutbar schlammig wird. Mittlerweile regnet es jeden Tag, die Regenzeit hat uns nun definitiv erfasst.

Zur Feier des Tages gönnen wir uns einen Fruchtshake (es ist ja noch früh) in einer schönen Bäckerei und lesen die englische “Vientiane Times”. Ein Artikel bringt uns ein Schmunzeln auf die Lippen: “Senior economists are suggesting that the government should not control the price of goods in local markets”. Offenbar hat die auch heute noch offiziell kommunistische Regierung die Beamtenlöhne um sagenhafte 37% erhöht und gleichzeitig auch die Preise für Lebensmittel. Interessanterweise rechtfertigte das rote Regime den Preisanstieg mit einer stärkeren Nachfrage nach den Gütern. Der Regierungssprecher scheint es also nicht zu eng zu sehen mit der kommunistischen Ideologie; wenn es gerade passt, sind auch die bösen, kapitalistischen Marktkräfte gut genug.

Dann springt uns etwas anderes ins Auge: Zwei von drei Jobanzeigen in der englischsprachigen Zeitung sind von governmentalen Entwicklungshilfeorganisationen oder NGOs geschaltet. Laos ist das Lieblingskind der weltweiten Entwicklungshilfe. Mehr als ein unglaublicher Viertel des nationalen BIP stammen aus Entwicklungshilfsgeldern, ein Albtraum für Dambisa Moyos. Es ist ein böser Vorwurf gewisser Leute, die wir getroffen haben, dass sich das Land gerne ärmer gibt, als es wirklich ist, damit diese sprudelnde Geldquelle als veritabler Wirtschaftsfaktor nicht versiegt. Eine von den USA gespendete Betonlieferung wurde jedenfalls nicht für die vorgesehene Flughafenlandebahn verwendet, sondern für den Bau eines überdimensionalen Triumpfbogens (Patuxai). Wir erinnern uns auch an die surrealen, riesenhaften Paläste mitten im Dschungel zwischen ärmlichen Bambushütten. Zuerst dachten wir, es handle sich um Firmensitze von Rohstoffunternehmen oder Wochenendvillen der Geldeliten. Aber nein, die meisten dieser absurden Schlösser trugen Enseignen wie “Poverty Reduction Fonds” oder ähnlich. Natürlich mögen wir Laos diesen nicht versiegen wollenden Strom an Hilfsgeldern von Herzen gönnen (hey, hatten wir nicht auch kürzlich hierhin gespendet?). Wir gönnten uns daraufhin aber auch selbst etwas: Ein feines Znacht in einem gehobenen Restaurant in der Stadt, umringt von NGO Mitarbeitern, Entwicklungshelfern und weiteren gut bezahlten westlichen Weltverbessern.

Nam Ha: Welcome to the Jungle

Nach zwei Tagen zermürbender Reise vom Süden in den Norden Thailands und zwei Tagen Erholung in Chiang Mai brechen wir endlich Richtung Laos auf. In der thailändischen Grenzstadt Chiang Khong angekommen nehmen wir das Tuk-Tuk zum “Hafen”, das heisst zu einer Ansammlung kleiner Hütten an den Ufern des Mekong. Eine der Hütten beheimatet die thailändische Zollbehörde, wo wir den Ausreisestempel holen. Eine andere Hütte verkauft uns das Ticket für das Long Boat über den Fluss. Über das schlammige Ufer steigen wir mit ca. zehn asiatischen Grenzgängern in das kleine Boot und sind keine drei Minuten später auf der anderen Seite des Mekong. Ein Sprung ins Wasser, aufgepasst, dass der Rucksack nicht ins Wasser fällt und wir berühren laotischen Boden in Houay Xai. Nachdem wir wieder einmal den Pass abgeschrieben haben (unsere Bezeichnung für die sinnlosen Einreiseformulare) und versichert haben, dass wir nur 15 Tage im Land bleiben wollen, kriegen wir den Einreisestempel ohne Umschweife. Bürger der Schweiz und von Luxemburg sind wohl die einzigen Westler, die visumsfrei nach Laos einreisen können, jedoch nur für 15 Tage. Wir sparen uns also die paar Dollar für das 30-Tage-Visum und planen schon mal den “Visa run” ein (der ja streng genommen gar keiner ist, weil wir kein eigentliches Visum benötigen). Die ganze Prozedur hat keine zwanzig Minuten gedauert, um einiges schneller also als an den meisten internationalen Flughäfen.

Laos wird oft als das “vergessene Land” bezeichnet: Im Schatten seiner berühmten Nachbarn Thailand, Kambodscha, Myanmar, Vietnam und China fristet das Land sowohl in den Bereichen Entwicklung wie Tourismus nach wie vor ein Schattendasein. Nach meinem Dafürhalten passt jedoch der Name “Land der Spinnen” besser (dazu später mehr).

Nach unserer Ankunft im Norden von Laos beschliessen wir die Regenwälder der Umgebung zu erkunden, die zu den wildesten, dichtesten und ursprünglichsten Primärwäldern von Festland Südostasien gehören. Leider finden wir keine Gleichgesinnten für eine Dreitagestour durch den Dschungel (zu zweit wäre der Guide ziemlich teuer geworden), also schliessen wir uns einer bestehenden Zweitagestour an. Zunächst geht es einen Tag lang im Kayak durch den Nam Ha Nationalpark, dem ältesten des Landes, vorbei an dichtem Regenwald und kleinen Urwalddörfern. Unsere Navigationsfähigkeiten im Kayak werden bald hart auf die Probe gestellt: Die Stromschnellen sind zwar zu Beginn der Regenzeit noch relativ harmlos, doch wehe man lande mit dem Boot im Unterholz der Böschung. Dieses beheimatet nämlich eine nicht zu unterschätzende Anzahl hässlicher und grosser schwarzer Spinnen. Und wenn man in die Büsche kracht, landen die Viecher im Boot und auf deren Insassen. Dank unserer minimalen Kayak Erfahrung*, können wir im Vergleich zu unseren Mitleidensgenossen schlimmeres vermeiden, “unsere” Spinnen bleiben unter der 10 cm Marke und landen glücklicherweise nicht auf uns, sondern im Boot, von wo sie mit dem Paddel über Bord befördert werden, bevor sie Körperkontakt machen können. Anschliessend schwingen wir uns wie Tarzan auf einer Liane über den Fluss, springen à la Dschungelcamp-Mutprobe ins braune Nass und waschen das Ekelgefühl ab.

Völlig durchnässt erreichen wir unser Nachtlager, eine offene Bambushütte am Rand eines kleinen Dschungeldorfes. Nach ein paar Gläschen Lao-Lao legen wir uns auf den Bambusboden und schlafen zufrieden ein. Die Spinne hinter dem Moskitonetz (diesmal grösser als 10 cm – siehe Foto), bemerken wir glücklicherweise erst am Morgen.

Wir überqueren den Fluss und laufen nun zu Fuss durch den dichten Dschungel, zunächst steil berauf auf dem glitschigen Lehmboden. Bald tanzen wir wie wild umher. Der Grund: Letzte Nacht hat der Regen grosse rote Ameisen von den Bäumen gespült, welche nun einen Teil des Pfades als deren neues Territorium betrachten. Eindringliche wie wir werden entschieden bekämpft. Nach langen Entameisungsmassnahmen auf und unter den Kleidern (die Viecher klammern sich an einem fest!) fassen wir wieder Mut. Es geht steil runter zu einem kleinen Fluss, der Weg ist selbst für geübte Wanderer mit sicherem Tritt äusserst anspruchsvoll. Dann geht es über rutschige Steine dem Bachbett entlang. Zehn Minuten vor unserem Ziel verliere auch ich noch das Gleichgewicht, rutsche auf einem Stein aus ins Wasser…

Das vorgekochte Mittagessen wird wie schon am Vortag am Boden auf Bananenblättern eingenommen – von Hand versteht sich, wie das die Locals tun. Unsere Team-Lebensmittelkontrolleurin (aka Annemarie), die im Dschungel leider kein Handwaschlavabo findet, muss dabei etwas über ihren Schatten springen. Nach einem intensiven Tag freuen wir uns auf eine Dusche und trockene Kleider. Nach kurzer Zeit und einer neuseeländischen Pizza ist unser Wir-Haben-Genug-Vom-Dschungel-Gefühl auch wieder verflogen und wir freuen uns auf weitere Abenteuer.

* Danke an Anna und Dominique für die Smart Boxen zum Geburtstag von Annemarie!

Whalesharks and sandflies

Seven years ago, we came to Koh Phangan and decided to become certified divers. On our third open water dive at famous sail rock (some say it is the best diving site in the gulf of Thailand) we saw the biggest fish on earth: Some of you might remember my e-mail titled “We saw the whaleshark!”. After this rare sight, our diving instructor only saw three of them in more than 2000 dives, we could have stopped our hobby. Aparently we didn’t, since there is much more to see under the surface than big fish.

Seven years later, a short while ago, we came back to Koh Phangan (Thong Nai Pan Yai) to relax on the beach for a couple of days. Since we were on the island, we could not overcome the temptation to go back to sail rock, where our diving career begun. And now guess what happened: We saw a whaleshark, again! One could think they are swimming around like snappers, but they aren’t. Compared to our first sighting seven years ago, there was a big difference: One of our fellow divers had a (mask) camera with him*:

Apart from big fish, unfortunately Thong Nai Pan Yai beach also hosts some small insects: nasty sandflies (some of you might remember that we encountered them before, althought different species). Their stings are really bad and itch for days. Desperately as we were, we searched the internet and did our own experiments to fight those little beasts. In case you are suffering from them as well, we are now experts in anti sandfly strategies.

Overall, we still had a nice stay on Koh Phangan: Relaxing on the beach, swimming in the small bay and at night in bioluminescent algae or plankton, enjoying good thai food, exploring the jungle hills around here where one meter lizards live and planning our further trip. Next destination: Laos. Last but not least: It was a nice epilogue after Myanmar, since we almost felt that we didn’t leave the country at all. Everywere we saw longhis (skirts worn by men) and thanaka (the traditional burmese make-up). Simple explanation: More and more service personnel on the island is actually from this country.

* Thanks, Chris.

Begegnungen

Auf der Suche nach einer Zuflucht vor der immensen Hitze landeten wir im Bergdorf Kalaw, das von den Briten seinerzeit genau aus diesem Grund geschätzt wurde. Es gefiel uns hier auf Anhieb (nicht nur wegen den Temperaturen, die des Nachts fast unter 20°C fielen) und wir beschlossen ein paar Tage zu verweilen. Da Ane wegen Bauchgeschichten einen Tag Bettruhe verordnet bekam, ging ich allein auf Wanderschaft ins Umland. Auf dem Weg zu einer Kirche wurde ich auf Englisch von einer katholischen Nonne angesprochen. Da ich den selben Namen wie der Bischof der Region trage, war sie sofort begeistert von mir. Sie zeigte mir das nahe gelegene Kinderheim, das von ihr und drei weiteren Schwestern betrieben wird (im Moment waren aber Ferien). Die Institution hat im streng buddhistischen Land einen schweren Stand. Das Problem war weniger das Heim als die angegliederte Schule. Obwohl die neue burmesische Verfassung offiziell Religionsfreiheit garantiert, bevorzugen staatliche Organe in vielen Aspekten des Alltags den (Theravada) Buddhismus. Die katholische Schule wurde also kurzerhand enteignet und unter staatliche Obhut gestellt. Die übrig gebliebenen vier Nonnen halten jedoch optimistisch die Stellung im noch bestehenden Heim.

Am nächsten Tag hatte ich eine Erkältung auszukurieren (ein Andenken an unsere letzte “klimatisierte” Busfahrt) und diesmal ging Ane allein los. Im Umland von Kalaw traf sie auf Tommy Aung Ezdani, den Chef der 1993 gegründeten Rural Development Society (RDS). Dieses genossenschaftsähnlich organisierte Hilfsprojekt baut in der Region des Shan Staats Wasserversorgungen, Brücken, Schulen, Bibliotheken etc. Wir besuchten ihn später auch noch im örtlichen Laden der RDS, wo regional hergestellte Produkte verkauft werden und sprachen lange mit ihm. Er sass schon für die NLD im Parlament und gilt als regionale Führungsperson. In aller Selbstverständlichkeit erzählte er uns von seinem sechsmonatigen Gefängnisaufenthalt und liess dabei auch Folter nicht unerwähnt. Jedenfalls hat er es durch seine Sprachkenntnisse (er spricht acht lokale Sprachen) und extensive Wanderungen (viele Dörfer sind nicht durch Strassen erschlossen) geschafft, die Interessen der Region zu bündeln und viele Entwicklungshilfeprogramme hierher zu leiten. Die Region, eine der ärmsten des Landes, hat auch einige UN Hilfswerke angezogen. Tommy meinte jedoch, dass ein Grossteil der so eingesetzten Gelder in der Tasche von regierungsnahen Familien landeten. Er sprach uns dann darauf an, ob wir nicht für einen Monat in einem abgelegenen Dorf Englisch unterrichten wollten. In der Vergangenheit haben offenbar auch schon zwei Deutsche und zwei Schweizer dies gemacht. Wer uns kennt, weiss, dass wir eher eine Abneigung gegen gut gemeinte Freiwilligenarbeit in armen Ländern haben, insbesondere gegen kurze Englischlehreraufenthalte oder Handlangerdienste (Schulen bauen etc.). Besteht denn wirklich ein Bedarf an westlichen Freiwilligen ohne spezifische Fachkenntnisse? Mit solchen unbezahlten Tätigkeiten wird unseres Erachtens vor allem taugliche und bezahlte einheimische Konkurrenz unterwandert. Jedenfalls ist Volunteer Tourismus nicht unbedingt unser Ding, weil wir befürchten, dass es für das Zielland kaum nachhaltig ist und Abhängigkeiten kreiert (ganz üble Auswüchse dieser Art Tourismus haben sich übrigens in Kambodscha entwickelt durch vermeintliche Waisenheime; das gehört jedoch nicht hierher). Zumeist sind die Aufenthalte auch viel zu kurz um didaktisch sinnvoll zu unterrichten und in Myanmar sind längere Visa als 30 Tage nicht zu bekommen (man male sich aus, wie man in der Schule jeden Monat neue Lehrer erhalten würde). Lange Rede kurzer Sinn: Wir haben es uns tatsächlich überlegt, uns dann jedoch dagegen entschieden.

Nun wollten wir trotzdem mehr über die Tätigkeiten der RDS erfahren und nahmen uns kurzerhand einen lokalen Führer um Projekte der Gesellschaft in den nahe gelegenen Dörfern zu sehen. Der junge Guide nahm dann grad seinen Bruder “99” mit (einer der bekanntesten örtlichen Führer) und wir lernten vieles über die Projekte der RDS und die verschiedenen Volksgruppen, die in der Region beheimatet sind. Auch heute noch leben in einem Dorf fast immer nur Angehörige einer einzigen Volksgruppe. Das gilt auch für die Mönche, denn die meisten Dörfer besitzen ein kleines Kloster (das oft nur von einem oder zwei Mönchen bewohnt ist). Heiraten zwischen Angehörigen verschiedener Volksgruppen sind in dieser dörflichen Umgebung immer noch unvorstellbar. Interessant waren übrigens auch die etwas urbaneren jungen muslimischen Guides in unserem Alter, die uns viel über ihre Perspektiven und Hoffnung erzählten. Aufgrund der zunehmenden Repression und Ausgrenzung gegen diese Religion, überlegen auch sie sich nach Thailand auszuwandern.

Nach all diesen Erfahrungen beschlossen wir, dass wir unser nächstes Ziel Inle Lake nicht mit dem Bus, sondern zu Fuss über Land erreichen wollten. Also packten wir unsere sieben Sachen und fanden vier Gleichgesinnte, mit denen wir uns einen Guide besorgten und den Dreitagesmarsch antraten. Vorbei ging es an schönen Hügellandschaften, viel manueller Landwirtschaft und alltäglicher Trachten der diversen Volksgruppen. Pro Tag querten wir drei bis vier Dörfer, wo wir auch übernachteten. In der ersten Nacht fanden wir im Dachstock eines Knoblauchlagers Unterschlupf und in der zweiten über der Küche eines Wohnhauses. Eine burmesische Küche muss man sich eher als offene Feuerstelle ohne Kamin vorstellen. Dies ist übrigens nicht unbedingt auf ländliche Gebiete beschränkt. Selbst im Zentrum von Yangon wird fast ausschliesslich auf Holz- und Kohlefeuern gekocht. Wir wurden jedenfalls ziemlich geräuchert, aber hatten nicht eine Mücke diese Nacht. Wir trockneten aber auch nicht aus, denn trotz Wellblechdach kriegten wir mehr als einige Tropfen der nächtlichen Gewitter ab.

Auch wenn die Kommunikation zuweilen schwierig war, wurden wir viele Male von lokalen Familien auf ein Besuch und einen Tee eingeladen. Grundsätzlich sind wir ja nicht unbedingt die grössten Fans von Touren, in welchen man Einheimische bzw. Eingeborene “besuchen” geht. Für uns hat das oft etwas Peinliches, manchmal einseitig Herablassendes oder Unwürdiges an sich. Nun, in einem Land, das vor allem durch seine Leute glänzt und deren Sprache wir beim besten Willen nicht ansatzweise verstehen, kann man ja einmal eine Ausnahme machen. Zuvor hatten wir ja schon auf Ogre Island vor Mawlamyine mit Mr. Antoine einen super Guide gefunden hatten, der uns in die lokalen Gebräuche einweihte, mit uns viele Familien und hiesige Betriebe (die Abgrenzung ist nicht immer scharf) aufsuchte und uns natürlich auch als Übersetzer diente. Auch hier hatten wir immer das Gefühl, dass die Leute sich freuten, wenn Reisende sie besuchten und Interesse an ihrem Leben zeigten. Vielerorts wurde uns auch versichert, dass unsere alleinige Anwesenheit ein Dorffest oder auch nur eine normale Mahlzeit zu etwas Speziellem mache, an das sich die Leute noch einige Zeit erinnern werden (wer hatte schon einmal burmesische Touristen an seiner Geburtstagsparty?). Auch wurden wir wahrscheinlich mehr angeglotzt und fotografiert als umgekehrt.

Nun kann man sich fragen, wie lange dieses Land seine herzliche und offene Art gegenüber Reisenden beibehält. Auch wir tragen natürlich zum nicht nur gesunden Touristenboom im Land bei und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Trägershirtmädels und Spring Break Studis dieser Welt das Land für sich entdecken. Statt hier noch mehr Moralpredigten zu halten, verweisen wir auf einen anderen Blogartikel, der einige unserer Gedanken sehr gut wiedergibt.

Mingalar Bar – Hallo Myanmar

Ja, wir leben noch und es geht uns gut. Aufgrund der nach wie vor grassierenden Zensur im Lande hat es beinahe drei Wochen gebraucht um Internet zu finden, wo WordPress (unsere Blog Seite) nicht gesperrt ist. Die super trendy Hype Destination Myanmar ist in der momentanen Nebensaison bei knapp 40°C vielerorts menschenleer – obwohl sich in den letzten Tagen sogar 20 Minuten hierher verirrt hat. Vor ein paar Wochen hat das Land aber die höchste Touristenflut über sich ergehen lassen; wir hörten von Dutzenden, die in Klöstern übernachten mussten, weil bei den Hauptattraktionen alle Hotels und Guesthouses ausgebucht waren.

Als wir vor knapp drei Wochen in der ehemaligen Hauptstadt Yangon (früher Rangun) landeten, fühlten wir uns jedenfalls selbst als Touristenattraktion. Nach wir vor haben offenbar viele abgeschieden lebende Burmesen noch nicht viele Westler gesehen. Viele inländische Touristen bzw. Pilger in Yangon (!) wollten uns fotografieren, manchmal ganz heimlich und manchmal offensiv als Gruppenfoto. An die etwas ungewohnte Herzlichkeit und Offenheit der Menschen mussten wir uns erst  etwas gewöhnen. Wenn einem jemand eine Tempelführung gibt, zum Tee einlädt oder selbst fotografiert werden will, ist normalerweise in einer südostasiatischen Hauptstadt Vorsicht angebracht. Die “Hello my friend. Where are you from?”-Mentalität und Touristenabzocke haben es erstaunlicherweise im Land noch nicht weit gebracht. Auch sonst besitzt das Land einige interessante Eigenheiten:

  • Tradition wir der Männerrock (Longyi) und Baumrindenschminke (Thanaka) werden nicht nur gelebt, sondern bilden das Strassenbild von Myanmar.
  • Die Strassen sind voller roter Flecken. Flecken von rötlicher Spucke, die durch das ständige kauen der Betelnuss entsteht. Weder Mann, Mönch noch Lady schämen sich des widerlichen Ausspuckens.
  • In Reisebussen herrscht frohes Massenkotzen: Offenbar reagieren viele Landsleute sensibel auf die schlechten Strassen und noch übleren Busse. Da wird einem auch schon mal über die Füsse gekotzt…
  • Über die täglichen Stromausfälle regt sich niemand mehr auf; man hat sich daran gewöhnt.

Nach Yangon zieht es uns in den Süden. Zuerst besuchen wir den heiligen und der Schwerkraft trotzdenden Golden Rock (Mt. Kyaiktiyo). Auf hühnerstegähnlichen Bänken werden um die 50 Leute auf der Ladefläche eines kleinen Lastwagens zusammengepfercht und über eine Serpentinenstrasse zum Fusse des Gipfels gebracht. Von dort aus hat man die Wahl: Weiter mit Lastwagen, sich auf Sänften von vier Mann zum Gipfel tragen lassen (für ca. fünf Franken) oder den knapp einstündigen Weg ganz in Pilgermanier zu Fuss antreten. Erstaunlicherweise entgegen aller lokalen Vorlieben entscheiden wir uns für die letzte Option. Unterwegs werden wir auch Zeugen der esoterischen Dimension des buddhistischen Heiligtums: Stände verkaufen Glieder toter Bären, Tiger, Ziegen und Schlangen. Und oben angekommen reibt schon einmal einer das Blut eines Geissbockkopfes an den goldenen Stein.

Nach diesem spirituellen Irrflug, äh Ausflug geht es weiter südlich ins einigermassen weltliche Mawlamyine. In diesem beschaulichen Örtchen, das nota bene die drittgrösste Stadt des Landes ist und das wegen Rudyard Kipling und George Orwell einige Berühmtheit erlangt hat, liessen wir ein paar Tage die Seele baumeln. Neben dem vermeintlich schönsten Sonnenuntergang von Südostasien, einem von kleinen Affen bewohnten Hindutempel und der mit fast 200m Länge grössten liegenden Buddha Statue der Welt (Win Sein Taw Ya – noch im Bau) gibt die Stadt einen guten Eindruck vom Land und vom Leben der Menschen hier. Auf einer vorgelagerten Insel erleben wir mit einem lokalen Führer ungeahnte Einblicke in das tägliche Leben, besuchen das örtliche Hauptquartier der Oppositionspartei NLD und laufen spontan in einer dampfbetriebenen Reismühle ein, wo man uns mit Freuden den gesamten Prozess erklärt – wenn auch mehrheitlich mit Händen und Füssen.

Mawlamyine ist durch eine lange Brücke mit der Strasse nach Norden verbunden. Da jene Brücke nach Sonnenuntergang gesperrt wird, müssen alle Nachtbusse um Punkt 18 Uhr abfahren. Dies gilt natürlich auch wenn,  wie in unserem Fall, der Bus zur neuen skurrilen Hauptstadt Nay Pyi Taw nur neun Stunden unterwegs ist. Aber davon mehr in unserem nächsten Beitrag.