Zum Imbiss über die Grenze

Kaum in der laotischen Hauptstadt Vientiane angekommen, müssen wir gemäss Einreisestempel das Land bereits wieder verlassen (15 Tage Aufenthalt ohne Visum). Thailand liegt zwar nur einen Schattenwurf entfernt am anderen Ufer des Mekong, der nächste Grenzübergang befindet sich allerdings um die 30 km entfernt bei der sogenannten Friendship Bridge No. 1. Der Plan ist nun einen der typischen halbautomatischen asiatischen Scooter zu mieten, über die Grenze nach Thailand zu fahren und neu in Laos einzureisen mit weiteren 15 Tagen Aufenthalt. So weit so gut.

Normalerweise wird bei der Töffmiete der Pass oder Führerschein als Depot verlangt, was natürlich nicht so ideal ist, wenn man über die Grenze will. Dieses Problem lässt sich einfach lösen, indem wir bei unserem Guesthouse mieten, wo man keine Sicherheiten verlangt (man kennt sich ja). Leider verfügt dort nur eines der erhältlichen Modelle über den Luxus eines Nummernschilds und es ist auch noch das mit Abstand schlechteste Modell in üblem Zustand. Wir nehmen jedoch mit diesem Zweirad vorlieb, weil wir uns kaum Chancen ausrechnen, ohne Nummernschild über die Grenze zu kommen.

Nach einigem Murksen mit dem Kickstart beginnt der Töff zu schnurren und wir brechen in holpriger Fahrt auf Richtung Brücke. Trotz wenig Luft rollt das Gefährt brav geradeaus. Doch zu früh gefreut: Nach knapp 1 km ist der Tank leer… Es ist eine asiatische Unsitte, dass Scooter immer mit praktisch leerem Tank vermietet werden. Bis jetzt hatte der Rest Benzin eigentlich immer bis zur ersten Tankstelle gereicht; nicht so an diesem Tag. Wäre ja eigentlich gar nicht so schlimm. Zu allem Übel können wir mit dem verrosteten und verbogenen Schlüssel doch nicht einmal den Tankdeckel öffnen. So stehen wir also mitten in der Rushhour auf einer Hauptstrasse in Vientiane mit verschlossenem Tank und weit und breit keine Tankstelle, auch keine der sonst ubiquitären Flaschentankstellen, die man in den meisten einfacheren Ländern findet (ein Kiosk mit in Petflaschen abgefülltem Benzin – meist sehr stark verdünnt, vom Kauf wird abgeraten). Ich gehe also zurück zum Guesthouse und mit ein bisschen Gebastel und Hilfe von aussen bringen wir dann unser Gefährt doch noch zum Laufen.

Nach einigen zusätzlichen Irrwegen (traue niemals einem Strassenschild oder der Skalierung einer Karte), erreichen wir aber am späten Vormittag endlich die Friendship Bridge No. 1 über den Mekong. Geplant war nun diese mit unserem Töffli zu überqueren und in Thailand eine Runde zu drehen. Auf der Brücke gibt es denn auch eine offizielle Motorradspur, jedoch dicht gefolgt von einem Verbotsschild für Motorräder. Auf Anfrage begegnen die diversen Grenzposten der leichten Widersprüchlichkeit dieser Situation mit freundlicher Unwissenheit. Nun gut, wir lassen unsere Pässe vom Passbüro abstempel und versuchen unser Glück mit dem Töff. Der Grenzpolizist bei der Schranke vor der Auffahrt zur Brücke kontrolliert zuerst unsere Pässe, alles in Ordnung. Dann nimmt er unser Gefährt kritisch unter die Lupe. Kontrollblick hinten – ja wir haben ein Nummenrschild. Dann entdeckt er aber den Aufkleber unseres Guesthouses, woraufhin er die Passage trotz allem freundlichen Insistieren, Lächeln und gespielter Unwissenheit nicht gestattet. Offenbar will man keine Miettöfflis über die Grenze passieren lassen.

Also gehen wir halt zu Fuss durch die Kontrolle und nehmen den günstigen Shuttle-Bus über die Brücke. Nach der Immigration in Thailand gönnen wir uns endlich ein Thai Zmittag im einfachen Restaurant neben den Grenzposten. Am “7-Eleven” Supermarkt ist nun auch zweifelsfrei zu erkennen, dass wir wieder in Thailand sind. Von der Warenvielfalt fast erschlagen werden wir uns einig, dass diese kleinen Läden eines der Dinge sind, die wir an Thailand lieben. In Bangkok gibt es die Läden ca. alle 200 m, es ist also eine der wenigen Städte weltweit, wo man immer an günstiges Wasser kommt und nicht verdursten muss.

Nach dem Lunch geht es zurück über die Brücke, wir kriegen wieder einen 15 Tage gültigen Einreisestempel für Laos und unser “Boarder-run” kann doch noch erfolgreich abgehackt werden. Zum Buddha-Park in der Nähe schaffen wir es leider nicht mehr, da wir vom Regen überrascht werden und die Strasse unzumutbar schlammig wird. Mittlerweile regnet es jeden Tag, die Regenzeit hat uns nun definitiv erfasst.

Zur Feier des Tages gönnen wir uns einen Fruchtshake (es ist ja noch früh) in einer schönen Bäckerei und lesen die englische “Vientiane Times”. Ein Artikel bringt uns ein Schmunzeln auf die Lippen: “Senior economists are suggesting that the government should not control the price of goods in local markets”. Offenbar hat die auch heute noch offiziell kommunistische Regierung die Beamtenlöhne um sagenhafte 37% erhöht und gleichzeitig auch die Preise für Lebensmittel. Interessanterweise rechtfertigte das rote Regime den Preisanstieg mit einer stärkeren Nachfrage nach den Gütern. Der Regierungssprecher scheint es also nicht zu eng zu sehen mit der kommunistischen Ideologie; wenn es gerade passt, sind auch die bösen, kapitalistischen Marktkräfte gut genug.

Dann springt uns etwas anderes ins Auge: Zwei von drei Jobanzeigen in der englischsprachigen Zeitung sind von governmentalen Entwicklungshilfeorganisationen oder NGOs geschaltet. Laos ist das Lieblingskind der weltweiten Entwicklungshilfe. Mehr als ein unglaublicher Viertel des nationalen BIP stammen aus Entwicklungshilfsgeldern, ein Albtraum für Dambisa Moyos. Es ist ein böser Vorwurf gewisser Leute, die wir getroffen haben, dass sich das Land gerne ärmer gibt, als es wirklich ist, damit diese sprudelnde Geldquelle als veritabler Wirtschaftsfaktor nicht versiegt. Eine von den USA gespendete Betonlieferung wurde jedenfalls nicht für die vorgesehene Flughafenlandebahn verwendet, sondern für den Bau eines überdimensionalen Triumpfbogens (Patuxai). Wir erinnern uns auch an die surrealen, riesenhaften Paläste mitten im Dschungel zwischen ärmlichen Bambushütten. Zuerst dachten wir, es handle sich um Firmensitze von Rohstoffunternehmen oder Wochenendvillen der Geldeliten. Aber nein, die meisten dieser absurden Schlösser trugen Enseignen wie “Poverty Reduction Fonds” oder ähnlich. Natürlich mögen wir Laos diesen nicht versiegen wollenden Strom an Hilfsgeldern von Herzen gönnen (hey, hatten wir nicht auch kürzlich hierhin gespendet?). Wir gönnten uns daraufhin aber auch selbst etwas: Ein feines Znacht in einem gehobenen Restaurant in der Stadt, umringt von NGO Mitarbeitern, Entwicklungshelfern und weiteren gut bezahlten westlichen Weltverbessern.

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1 thought on “Zum Imbiss über die Grenze

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