Prinzipientreue und krumme Nägel

Das Geständnis vorneweg: Wir haben gegen zwei wichtige Prinzipien unseres Unternehmens Weltreise verstossen: Erstens haben wir ursprünglich geplant in diesem Jahr maximal zehn Länder zu bereisen. Doch nur schon in den letzten knapp vier Wochen haben wir mehr als zehn Landesgrenzen überschritten (mit ebenso vielen Währungskonvertierungen). Zweitens wollten wir dem Sommer nachreisen. Die inoffizielle Minimaltemperatur von 10°C wurde in den letzten Tagen mehrmals unterschritten. Doch alles der Reihe nach.

Nach Albanien wollen wir auch noch den jüngeren Bruderstaat besuchen, aus welchem bekanntlich eine nicht kleine in der Schweiz lebende Minderheit stammt. Auf dem milliardenteuren, neuen Albanien-Kosovo Highway brausen wir von Tirana Richtung Pristina. Es ist die wohl beste Strasse unserer ganzen Reise. Vorbei an den letzten Bunkern in Nordalbanien, wo die Blutrache auch heute noch ein gelebter Aspekt des Kanun ist, erreichen wir die Grenze zum Kosovo. Der Grenzübergang ist professionell organisiert, der kosovarische Einreisestempel landet bei uns beiden auf der zweitletzten Seite im Pass. Man erzählt, dass serbische Zollbeamte den Stempel ihrer abtrünnigen Provinz zuweilen “zerstören” (was immer das heisst). Daher vermuten wir bei dieser einheitlichen und ungewöhnlichen Stempelplatzierung eine leicht dilettantische Kaschierungsmassnahme. Wer weiss.

Als wir in Pristina aussteigen, schlagen uns frostige 5°C entgegen. Die Nacht wird den Gefrierpunkt touchieren. Der kleine Elektroofen kann unser Hotelzimmer nicht wirklich auf “prinzipienkonforme” Temperaturen bringen. Da wir mit unserer Tropenausrüstung leicht an den Anschlag kommen, kaufen wir uns am nächsten Morgen einen warmen Pulli bzw. eine Jacke (auch unsere nächsten Destinationen Skopje und Ankara melden nächtliche Temperaturen nahe dem Nullpunkt). Warm eingepackt erkunden wir Pristina. In der Stadt ist vor ein paar Jahren noch geschossen worden. Eine leichte Nachkriegsatmosphäre ist auch heute noch spürbar: Unser Taxifahrer geht an Krücken wegen einer Bombensplitterverletzung am Bein. Die (deutschen, nicht schweizerischen) KFOR-Truppen sind sehr präsent, in den Strassen hat es noch mehr bewaffnetes Sicherheitspersonal als in Tirana und viele Läden (und unser Hotel!) sind nicht beheizt. Zudem befinden sich eine Mehrzahl der Gebäude in einem Zustand zwischen “im Bau” und “baufällig”, wobei nicht immer klar ist, welcher Zustand dominiert. Insbesondere Moscheen und Kirchen in der Innenstadt sind deshalb nicht begehbar; wirken leider eher baufällig als im Bau, jedenfalls sind kaum Renovierungsarbeiten ersichtlich. Man kann die klassischen Sehenswürdigkeiten an einer Hand abzählen. Unser Programm würzen wir mit einem spontanen Besuch der kosovarischen Lebensmittel- und Landwirtschaftsmesse, dem kuriosen Universitätsbibliotheksgebäude und einem Laden für Musikkassetten*.

Ansonsten ist das Strassenbild geprägt von der mehrheitlich arbeitslosen männlichen Bevölkerung. Auf der zentralen Flaniermeile drängen sich Massen um “Chilbi-Attraktionen” wie etwa den Nageleinschlag-Wettbewerb bei einem Werbestand eines deutschen Entwicklungsprojekts für Solarzellen. Pristina erinnert uns in einer Hinsicht stark an das laotische Vientiane: Es gibt eine sehr sichtbare, aber doch dünne Elite von lokalen Staatsfunktionären und internationalen Sicherheitsbeamten, Beobachtern und natürlich Entwicklungshelfern. Diese hat einen spürbaren Einfluss auf das Preislevel: Pristina ist aufgrund der vielen Spesenreisenden relativ teuer im Vergleich zur übrigen Region (wir nennen das den Washington- oder Brüssel-Effekt).

Obwohl Pristina interessante Einblicke in die Balkan-Region gewährt, fliehen wir aus der bissigen Kälte ins etwas mildere Skopje in Mazedonien. Die gängigen Klischees dieser Region wurden im Kosovo übrigens nicht unbedingt bestätigt und erst recht nicht in den anderen ex-jugoslawischen Ländern.

* An alle Leser mit Jahrgang 1990 und jünger: Eine Kassette (auch MC) ist ein anachronistisches Datenmedium auf Magnetband, das in den 1980er Jahren und frühen 1990er Jahren hauptsächlich zur Musikspeicherung eingesetzt wurde. Die Kassette zeichnete sich vor allem durch schlechterwerdende Soundqualität und Magnetbandsalat nach dem spulen aus.

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