Heimkehr von der Odyssee

Keine zehn Jahre, sondern 365 Tage nach unserer Abreise aus der Schweiz packen wir unsere Rucksäcke zum letzten Mal. Jeder Gegenstand weckt Erinnerungen: Die faltbaren Campingteller, die uns durch die goldene Küste Neuseelands begleitet haben; die Schirme, mit denen wir der Regenzeit Laos’ trotzten; die Hosen, mit denen ich die grüne Hölle von Borneo durchquert habe; die Badehosen, mit welchen wir Seeschlangen und Haien begegnet sind; die in Pristina gekauften warmen Kleider, die danach bitter benötigt wurden und natürlich das elend langsame, billige Asus Netbook, mit dem wir manchmal qualvoll diesen Blog gefüttert haben. Die Odyssee, ähm Blogyssee, geht zu Ende und wir kehren heim.

Hawaii verabschiedet sich von uns mit Regen. Nach vielen schönen Tagen hat hier der Winter eingesetzt. Heute morgen wollen wir nochmal “SUP”en (stand up paddling), doch das Wetter macht nicht mit. Daher haben wir ein bisschen Zeit uns bereits auf den Alltag in der Schweiz einzustellen. Wachen wir nun aus einem Traum auf? Kehren wir einfach aus sehr langen Ferien zurück? Wie schnell werden wir wieder im alten Trott sein? So oder so steigen wir bald ins Flugzeug zurück in unser neues altes Leben. Und wir freuen uns darauf Euch alle bald wieder zu sehen!

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Surrounded by water

Maui is watersports territory. Although celebrated as one of the best windsurfing spots in the world, it also offers an abundance of great opportunities for surfers, “SUP”-ers, snorkelers and scube divers (why do all watersports start with an “s”?). Since I tried windsurfing with modest success when I was in Maui last time eight years ago, we concentrated more on the other alternatives.

When I refined my skills to catch some nice waves, Anne discovered her fun in stand up paddling (“SUP”). This relatively new watersport is like surfing but you stand on the board with a paddle in the hand. This position allows you to have a nice view over coming waves and underwater stuff (a good thing considering the widespread shark paranoia here). And with the paddle it is much easier to catch the waves and steer. I tried the sport three years ago in California in calm waters and it was no lasting memory. However, doing the same in the world class Hawaiian waves and warm waters I see the sport differently. Oh my dear, have we been washed in the waves. Two to three meters are enough for us and when we see the crazy guys riding the ten plus meter waves in Peahi (“Jaws”) and their broken surfboards, we are happy to sit safely on the beach.

And what would be the best soundtrack for this? Of course the legendary Beach Boys (“Surfin’ U.S.A.”). Luckily they were just having a live concert a couple of days ago in Maui. The perfect match and great atmosphere open air amongst palm trees and beneath a stary sky. However, the old fellows have never been known for the quality of their music and mastering of their instruments. Most of the grey heared hippie audience did not realize (or bother) when the Boys sang “Fun, fun, fun” in the wrong tonality for a while.

Being on the water is fun. Being below the surface is amazing. In the last twelve months we have been diving in New Zealand, Australia, Thailand, Indonesia and Djibouti. We have seen some of the best diving spots in Komodo and Bira, swam with whalesharks and did some awesome sub-tropical dives. When we arrived in Hawaii, I desperately wanted to go under water, mainly because I heard some great stories and did not have my diving certification when I was here last time. So, we took the first boat in the morning, maneuvered through jumping humpback whales and arrives at famous Molokini outerwall at sunrise. What could one wish more than 50 meters of visibility, constant whale song music and great sealife. Think of the biggest frogfish you ever saw, surreal harlekin shrimp, rare tiger snake eels, tiny Hawaiian lion fish and color changing octopus. Oh, and by the way we have seen some whitetip sharks as well.

Die grosse Insel

Nein, für einmal liegt es weder an nicht vorhandenem Internet noch kämpfen wir uns durch einen undurchdringlichen Dschungel am Ende der Welt. Obwohl sich viele tausend Kilometer rund um uns herum nur pazifische Wassermassen befinden, verfügt Hawai’i durchaus über (fast) alle zivilisatorischen Annehmlichkeiten. Die längere Sendepause könnte man mit “Weihnachtsferien”, “umgekehrtem Kulturschock” oder “Schirmchendrink-Ablenkung” entschuldigen, doch eigentlich waren wir schlicht etwas schreibfaul. Aber genug der Rechtfertigungen.

Wenn man nach fast zehn Monaten Reise, zu vielen holprigen Busfahrten, schäbigen Unterkünften und knapp essbaren Mahlzeiten ein Land wie Äthiopien besucht, dann kann das einem schon noch die paar letzten Nerven kosten. Wenn man aber von diesem gemäss “Human Development Index” entwicklungsmässigen Schlusslichtland in den hegemonischen Superstaat schlechthin reist, dann spielt man nicht in einer anderen Liga, sondern wechselt die Sportart. Fähigkeiten wie Improvisationstalent, Durchhaltewillen (oder Leidensfähigkeit), Optimismus und Humor rücken in den Hintergrund und zwei andere Variablen werden immanent wichtig: Eine funktionierende Kreditkarte und ein plattenfreies Auto. Alles andere ist nebensächlich.

Ausgerüstet mit beidem landen wir in Kona, einem Ort, der in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts das Prädikat “touristisch” verdient hätte, dessen Kitsch und Retro-Charme auf uns aber durchaus ansprechend wirkt. Was lässt sich schon gegen ein überdimensioniertes abgewohntes Zimmer mit Meersicht, einen Schirmchendrink im Plastikbecher am Pool, lokal angepflanzten Filterkaffee und eine Auswahl an zehn verschiedenen Burgern einwenden. Zudem gibt es jeden Tag traumhaftes Wetter, denn Kona liegt bezeichnenderweise auf der “Kona-Seite”, das heisst der windabgewandten und regenarmen Seite von Hawai’i.

Ja, wo befinden wir uns denn jetzt genau? Auf Hawai’i. Ja, aber auf welchen Insel? Auf Hawai’i. Seit Kamehameha I. geweissagt wurde, dass er einst über alle Inseln herrschen würde und er diese Prophezeiung unter grossem Blutvergiessen bewahrheitete, wird das ganze Archipel nach der Heimatinsel des ersten hawaiianischen Königs benannt. Das ist wahrscheinlich nicht die offizielle Erklärung, aber meine ganz persönliche Auslegung. Jedenfalls landen wir auf der jüngsten, südlichsten und grossen Insel. Weil die Namensgleichheit der Insel und der Inselkette zu viel Verwirrung stiftet, wird sie heute in gut amerikanischer Art schlicht die grosse Insel “The Big Island” genannt. Bevor wir in Maui einen Freund besuchen wollen, verbringen wir denn nun ein paar vorweihnachtliche Tage auf dieser grossen Insel.

Wider Erwarten setzt uns der Jetlag stark zu. Nach einem Übernachtflug von Addis Abeba mit Aufenthalt in Doha, einem überlangen Tagesflug nach Los Angeles, dem zu erwartenden Verhör am amerikanischen Zoll (das Iran-Visum lässt grüssen) und einer zusätzlichen Nacht ebenda, brauchen wir ein paar Tage Erholung. Und dies lässt sich in Hawai’i zur Genüge finden.

Nach drei Tagen selbst verordneter starker Medizin in Form von Puderzuckerstränden, Comfort-Food und Schirmlidrinks, ist der Jetlag kuriert und wir schauen uns die Insel genauer an. Obwohl einst das politische und kulturelle Zentrum von Hawai’i, tanzt der Bär heute andernorts: Die Touristen reisen nach Oahu und Maui und das Geschäftliche beschränkt sich vorderhand nur auf Oahu (genau, dort liegt Honolulu und der Waikiki Beach). Ersteres mag erstaunen, denn die grosse Insel bietet eine enorme Abwechslung an verschiedenen Klimata, einige Überbleibsel der vormissionarischen (und vor-cookschen) Kultur und ein relativ einfaches Eintauchen ins lokale Leben. So sind wir begeisterte Zuschauer beim dörflichen Weihnachtsumzug (mit obligatem Coca-Cola-Truck) und fast die einzigen nicht-weisshaarigen und nicht-lokalen Groupies bei einem Slack Key Gitarrenkonzert. Und am Ort, wo Captain James Cook sein unglückliches Ende fand, finden wir nach jahrelanger Tauchabhängigkeit endlich wieder Freude am Schnorcheln.

Berühmt ist Hawai’i jedoch vor allem für seinen nach wie vor sehr aktiven Ursprung: Die Vulkane. Nachdem eine hartnäckige Anne und eine Reisewarnung des EDA mich überzeugen konnten, dass der Lavasee in der äthiopischen Danakil-Ebene ohne eigene Armee vielleicht doch kein geeignetes Reiseziel darstellt, freue ich mich natürlich umso mehr darauf, endlich flüssiges Gestein zu sehen. Leider fliesst im Moment keine Lava ins Meer und die beiden einzigen aktiven Austrittsstellen sind wegen giftiger Gase weiträumig abgesperrt. Immerhin sehen wir in der Nacht das immense Glühen des Halema’uma’u Kraters (siehe momentanes Titelbild oder hier) und damit indirekt flüssige Lava. Am nächsten Tag versuchen wir zu Fuss möglichst nahe an den anderen aktiven Spot, den Pu’u O’o, heranzukommen. Über abgekühlte messerscharfe A’a-Lava (ja, das nennt man wirklich so und es hat nichts mit Fäkalien zu tun) und teigige Pahoehoe-Lava führt der Weg von trockener vulkanischer Wüste plötzlich mitten in feuchten tropischen Regenwald. Näher als zu ein paar bizarr anmutenden Lavaskulpturen vor einem rauchenden Krater kommen wir aber auch hier nicht heran. Statt flüssigem Feuer kriegen wir die unbeugsame Natur in Form von noch flüssigerem Nass von oben ab. Nass bis auf die Haut müssen wir feststellen, dass wir auf der ganzen Reise noch nie derart verschifft wurden. Und natürlich verliere ich mitten in der Wildnis noch unseren Hotelschlüssel (der Pfad wird im Durchschnitt nur jeden zweiten Tag von einem Tourist begangen).

Danach besuchen wir den höchsten Berg der Welt, den Mauna Kea. Leider hat irgendein Geologe einmal bestimmt, dass Berge erst ab Meereshöhe gemessen werden, womit nur die obersten 4205 Meter des mehr als 10’000 Meter hohen Vulkans zählen. Das Wetter will uns aber auch weiter nicht hold sein. Obwohl der Mauna Kea seinen berühmten Teleskopen mehr als 300 klare Tage im Jahr verspricht, erreichen wir ihn bei Regen. Dies hat den Vorteil, dass wir praktisch allein sind und nach zwei Stunden ausharren in der eisigen Kälte erhaschen wir doch noch ein paar Blicke auf die Streifen des Jupiters und die riesigen Krater des Mondes. Das regenbringende Tiefdruckgebiet hat übrigens unten an der Küste zu derart hohen Wellen geführt (und wir reden hier in hawaiianischen Dimensionen), dass ein Grossteil der Strände geschlossen werden. Obwohl damit das Schnorcheln mit Mantas ausfällt, können wir über dem Tosen von haushohen Brechern unter Kerzenschein dinieren. Und das eigenwillige Wetter beschert uns den kitschigsten Sonnenuntergang seit langem. So oder so: Die grosse Insel ist definitiv ein Highlight.

Das Wort “Schirmchendrink” ist übrigens in diesem Post nicht vergebens drei Mal vorgekommen. Ich musste Anne in Iran einen solchen versprechen und es hat tatsächlich mehr als zwei Monate bis zur zufriedenstellenden Erfüllung gedauert. Da häufen sich schon mal ein paar Zinsen an.

Lalibela: Jerusalem liegt in Äthiopien

Reisen in Afrika ist selten eine angenehme Angelegenheit. Äthiopien bildet in dieser Hinsicht eher die Regel als die Ausnahme. Und mit Reisen meine ich nicht generell den Besuch des Landes, sondern ganz konkret die Fortbewegung von A nach B. Nachdem wir unseren Sättigungsgrad an mühsamen Busreisen unerwartet bald erreicht haben, beschliessen wir die historische Stadt Aksum im Norden des Landes auszulassen. Der Legende nach befindet sich an diesem Ort in einer kleinen Kapelle die Bundeslade. Da jedoch dort ohnehin niemandem Eintritt gewährt wird, lasse ich meine naiven “Indiana Jones”-Gedanken hinter mir und freue mich auf eine lange Busfahrt weniger.

Natürlich sind wir weder die ersten noch die einzigen, die zur Erkenntnis gelangen, dass Äthiopien nicht das einfachste Land zum Reisen ist. Daher ist die grosse Mehrheit der Touristen in einer geführten Tourgruppe unterwegs. Nur eine dünne Schicht von Backpackern und Overlandern (diejenigen, die Afrika mit Auto oder Motorrad durchqueren) setzen sich den Freuden und Qualen des individuellen Unterwegsseins aus. Man könnte meinen, dass bereits die alten Pilger tausend Jahre vor der Erfindung des Minibuses ähnliche Gedanken hegten. Weil nämlich die Pilgerreise nach Jerusalem für die äthiopischen Urchristen lange und gefährlich war, beschloss König Lalibela kurzerhand sich im Hochland von Äthiopien ein eigenes Jerusalem zu bauen. Um den Zweck des Pilgerns nicht zu vereiteln, durfte der Ort aber nicht zu einfach zu erreichen sein.

Bevor wir uns auf den Weg machen, besuchen wir zunächst die ehemalige Hauptstadt Gonder (nein liebe “Herr der Ringe”-Freunde, nicht Gondor), wo sich die ehemaligen Könige Äthiopiens oberhalb der Malariagrenze vor ungefähr 300 Jahren mittelalterlich anmutenden Schlösser gebaut haben. Wenn auch die Bauwerke im zweiten Weltkrieg bombardiert wurden und in ihrer heutigen Form weniger dramatisch erscheinen als ihre europäischen Pendants, so erstaunt es doch mitten in Afrika solche Architektur zu finden. Persische, indische, portugiesische und natürlich afrikanische Baumeister waren beim Bau dieses “afrikanischen Camelots” beteiligt.

Danach brechen wir aber auf zu den berühmten Felsenkirchen von Lalibela. Der äthiopische Wallfahrtsort leistet sich eine stolze Eintrittsgebühr von 50 USD. Lalibela umfasst nicht weniger als elf Kirchen, die teilweise oder vollständig aus dem Fels geschlagen und mit diesem verbunden sind. Die bekannteste kreuzförmige Kirche “Bet Giyorgios” ist rein monolithisch, also aus einem Stück Stein gehauen. Jede einzelne Kirche beherbergt übrigens eine Kopie der Bundeslade, die im unzugänglichen Heiligtum aufbewahrt wird. Die Atmosphäre zwischen den fast tausendjährigen Gebetsstätten ist trotz Horden bettelnder Kinder auch heute noch von einer eigenartigen Magie erfüllt. Der Ort ist Anlaufstelle für viele christliche Pilger und Zentrum für diverse Messen und Rituale. So werden hier heiliges Brot gebacken, heiliges Wasser geschöpft und tote Pilger “begraben” (Teile der mumifizierten Leichen ragen aus Löchern in den Felsen um die Kirchen). 

Unzählige Legenden ranken sich um Lalibela. So soll eine Steinsäule hier viele Jahre lang geleuchtet haben, bis sie vor einiger Zeit erloschen ist. Da die besagte Säule in dreisprachiger Ausführung über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft berichtet, ist sie kurzerhand mit einem Tuch bedeckt worden. Der wissenschaftlichen Forschung wird kein Zutritt gewährt, nur den Touristen. Und diese kommen in Scharen an den kleinen Ort. Die örtlichen Priester ziehen sich in den dunklen Felsgrotten jedenfalls routiniert Sonnenbrillen an um dem Blitzgewitter der Tourgruppen zu begegnen. Eine vernünftige Reaktion, aber ein surrealer Anblick inmitten einer Stätte dieses ursprünglichen Christentums.