Lalibela: Jerusalem liegt in Äthiopien

Reisen in Afrika ist selten eine angenehme Angelegenheit. Äthiopien bildet in dieser Hinsicht eher die Regel als die Ausnahme. Und mit Reisen meine ich nicht generell den Besuch des Landes, sondern ganz konkret die Fortbewegung von A nach B. Nachdem wir unseren Sättigungsgrad an mühsamen Busreisen unerwartet bald erreicht haben, beschliessen wir die historische Stadt Aksum im Norden des Landes auszulassen. Der Legende nach befindet sich an diesem Ort in einer kleinen Kapelle die Bundeslade. Da jedoch dort ohnehin niemandem Eintritt gewährt wird, lasse ich meine naiven “Indiana Jones”-Gedanken hinter mir und freue mich auf eine lange Busfahrt weniger.

Natürlich sind wir weder die ersten noch die einzigen, die zur Erkenntnis gelangen, dass Äthiopien nicht das einfachste Land zum Reisen ist. Daher ist die grosse Mehrheit der Touristen in einer geführten Tourgruppe unterwegs. Nur eine dünne Schicht von Backpackern und Overlandern (diejenigen, die Afrika mit Auto oder Motorrad durchqueren) setzen sich den Freuden und Qualen des individuellen Unterwegsseins aus. Man könnte meinen, dass bereits die alten Pilger tausend Jahre vor der Erfindung des Minibuses ähnliche Gedanken hegten. Weil nämlich die Pilgerreise nach Jerusalem für die äthiopischen Urchristen lange und gefährlich war, beschloss König Lalibela kurzerhand sich im Hochland von Äthiopien ein eigenes Jerusalem zu bauen. Um den Zweck des Pilgerns nicht zu vereiteln, durfte der Ort aber nicht zu einfach zu erreichen sein.

Bevor wir uns auf den Weg machen, besuchen wir zunächst die ehemalige Hauptstadt Gonder (nein liebe “Herr der Ringe”-Freunde, nicht Gondor), wo sich die ehemaligen Könige Äthiopiens oberhalb der Malariagrenze vor ungefähr 300 Jahren mittelalterlich anmutenden Schlösser gebaut haben. Wenn auch die Bauwerke im zweiten Weltkrieg bombardiert wurden und in ihrer heutigen Form weniger dramatisch erscheinen als ihre europäischen Pendants, so erstaunt es doch mitten in Afrika solche Architektur zu finden. Persische, indische, portugiesische und natürlich afrikanische Baumeister waren beim Bau dieses “afrikanischen Camelots” beteiligt.

Danach brechen wir aber auf zu den berühmten Felsenkirchen von Lalibela. Der äthiopische Wallfahrtsort leistet sich eine stolze Eintrittsgebühr von 50 USD. Lalibela umfasst nicht weniger als elf Kirchen, die teilweise oder vollständig aus dem Fels geschlagen und mit diesem verbunden sind. Die bekannteste kreuzförmige Kirche “Bet Giyorgios” ist rein monolithisch, also aus einem Stück Stein gehauen. Jede einzelne Kirche beherbergt übrigens eine Kopie der Bundeslade, die im unzugänglichen Heiligtum aufbewahrt wird. Die Atmosphäre zwischen den fast tausendjährigen Gebetsstätten ist trotz Horden bettelnder Kinder auch heute noch von einer eigenartigen Magie erfüllt. Der Ort ist Anlaufstelle für viele christliche Pilger und Zentrum für diverse Messen und Rituale. So werden hier heiliges Brot gebacken, heiliges Wasser geschöpft und tote Pilger “begraben” (Teile der mumifizierten Leichen ragen aus Löchern in den Felsen um die Kirchen). 

Unzählige Legenden ranken sich um Lalibela. So soll eine Steinsäule hier viele Jahre lang geleuchtet haben, bis sie vor einiger Zeit erloschen ist. Da die besagte Säule in dreisprachiger Ausführung über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft berichtet, ist sie kurzerhand mit einem Tuch bedeckt worden. Der wissenschaftlichen Forschung wird kein Zutritt gewährt, nur den Touristen. Und diese kommen in Scharen an den kleinen Ort. Die örtlichen Priester ziehen sich in den dunklen Felsgrotten jedenfalls routiniert Sonnenbrillen an um dem Blitzgewitter der Tourgruppen zu begegnen. Eine vernünftige Reaktion, aber ein surrealer Anblick inmitten einer Stätte dieses ursprünglichen Christentums.

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