Der etwas andere Kochkurs

Wir sind nun schon seit ein paar Wochen in Äthiopien unterwegs und haben natürlich auch die äthiopische Küche kennengelernt. Sie gilt als einzigartig und enthält Speisen, die für den europäischen Gaumen teilweise etwas gewöhnungsbedürftig sind. Das Grundnahrungsmittel bildet “Injera”, ein Sauerteig-Fladenbrot, das – ja genau – sehr sauer schmeckt. Die Äthiopier essen dieses aus Teff (Zwerghirse) fermentierte Brot zu allen Mahlzeiten. Es dient als Teller und Besteck gleichzeitig, denn gegessen wir mit der rechten Hand und die verschiedenen Saucen und Eintöpfe werden aufs Brot geschöpft und gegessen. Die leicht schwammartige, weiche Konsistenz ist dafür ideal.

In Lalibela essen wir in einem einfachen Restaurant, das als eines der besten der Stadt gilt. Als wir erfahren, dass die Besitzerin auch einen Kochkurs anbietet, wollen wir uns die Gelegenheit mehr über die äthiopische Küche zu erfahren natürlich nicht entgehen lassen.

Zu viert werden wir zur vereinbarten Zeit in die Küche geführt. Ich muss zuerst einmal leer schlucken, als ich den Raum erblicke. Gekocht wird über mit Kuhdung erzeugtem Feuer, der Boden ist aus gestampfter Erde und einen Kamin hat es leider nicht. So sitzen wir nun auf kleinen Stühlen wie die Hühner auf der Stange und lassen uns in die Geheimnisse des Injera einweihen. Der flüssige Teig wurde während zwei Tagen fermentiert und ist nun bereit. Wir üben uns alle darin, 50 cm grosse dünne Brote zu giessen – mit mehr und weniger Erfolg. Dann kocht die fröhliche Besitzerin mit einer ihrer Töchter, die auch noch als Übersetzerin für uns tätig ist, die verschiedenen Eintöpfe und Gemüse. Wir sind nämlich in der Fastenzeit und somit sind alle tierische Produkte tabu. Die äthiopisch-orthodoxe Kirche kennt ungefähr 180 Fastentage im Jahr und somit hat sich eine interessante vegane Küche entwickelt.

Nachdem ich darüber hinweg bin, dass die Köchin laufend Kuhdung in die Hände nimmt um die Feuer im Gang zu halten und dann direkt die fertigen Injera berührt, lasse ich mich von der fröhlichen Stimmung mitreissen. Während wir kochen bzw. zuschauen, muss die zweite Tochter draussen im Hof auf dem Boden den Abwasch erledigen. Der einzige Wasserhahn befindet sich nämlich ausserhalb der Küche.

Nach circa zwei Stunden sind wir fertig und das Essen wird auf einer grossen Platte für alle angerichtet. Es ist viel zu viel, aber wir geben uns Mühe möglichst viel zu essen. Als wir meinen schon bald zu platzen, werden uns noch Früchte zum Dessert aufgetischt. Dann werden wir noch mit einem weiteren äthiopischen Essritual konfrontiert. Die Restaurantbesitzerin nimmt nämlich eine Gabel und füttert uns die Früchte. Jeder kriegt zwei Gabeln voll, da zwei Mal Glück bringen soll. Eine interessante kulturelle Erfahrung.

Nun sind wir beim Kaffee angelangt. Äthiopien wird auch als das Ursprungsland des Kaffees bezeichnet und das koffeinhaltige Getränk spielt eine grosse Rolle im täglichen Leben. Die Äthiopier zelebrieren traditionellerweise drei Mal täglich ein Kaffeeritual. Dort werden die grünen Bohnen über Kohle geröstet, gestampft und nach türkischem Muster zu Kaffee zubereitet. Häufig essen sie Popcorn zum Kaffee, interessant und gar nicht mal so schlecht. Ich habe während unserer Zeit in Äthiopien sehr unterschiedlichen Kaffee getrunken: sehr dünne Brühe, Milchkaffee mit Milchhaut, den stärksten Kaffee in meinem Leben und ja wahrscheinlich auch den besten Kaffee, den ich je getrunken habe, genau richtig geröstet, ausgewogen in den Aromen und nicht zu bitter. Ich träume immer noch davon.

Advertisements

Lalibela: Jerusalem liegt in Äthiopien

Reisen in Afrika ist selten eine angenehme Angelegenheit. Äthiopien bildet in dieser Hinsicht eher die Regel als die Ausnahme. Und mit Reisen meine ich nicht generell den Besuch des Landes, sondern ganz konkret die Fortbewegung von A nach B. Nachdem wir unseren Sättigungsgrad an mühsamen Busreisen unerwartet bald erreicht haben, beschliessen wir die historische Stadt Aksum im Norden des Landes auszulassen. Der Legende nach befindet sich an diesem Ort in einer kleinen Kapelle die Bundeslade. Da jedoch dort ohnehin niemandem Eintritt gewährt wird, lasse ich meine naiven “Indiana Jones”-Gedanken hinter mir und freue mich auf eine lange Busfahrt weniger.

Natürlich sind wir weder die ersten noch die einzigen, die zur Erkenntnis gelangen, dass Äthiopien nicht das einfachste Land zum Reisen ist. Daher ist die grosse Mehrheit der Touristen in einer geführten Tourgruppe unterwegs. Nur eine dünne Schicht von Backpackern und Overlandern (diejenigen, die Afrika mit Auto oder Motorrad durchqueren) setzen sich den Freuden und Qualen des individuellen Unterwegsseins aus. Man könnte meinen, dass bereits die alten Pilger tausend Jahre vor der Erfindung des Minibuses ähnliche Gedanken hegten. Weil nämlich die Pilgerreise nach Jerusalem für die äthiopischen Urchristen lange und gefährlich war, beschloss König Lalibela kurzerhand sich im Hochland von Äthiopien ein eigenes Jerusalem zu bauen. Um den Zweck des Pilgerns nicht zu vereiteln, durfte der Ort aber nicht zu einfach zu erreichen sein.

Bevor wir uns auf den Weg machen, besuchen wir zunächst die ehemalige Hauptstadt Gonder (nein liebe “Herr der Ringe”-Freunde, nicht Gondor), wo sich die ehemaligen Könige Äthiopiens oberhalb der Malariagrenze vor ungefähr 300 Jahren mittelalterlich anmutenden Schlösser gebaut haben. Wenn auch die Bauwerke im zweiten Weltkrieg bombardiert wurden und in ihrer heutigen Form weniger dramatisch erscheinen als ihre europäischen Pendants, so erstaunt es doch mitten in Afrika solche Architektur zu finden. Persische, indische, portugiesische und natürlich afrikanische Baumeister waren beim Bau dieses “afrikanischen Camelots” beteiligt.

Danach brechen wir aber auf zu den berühmten Felsenkirchen von Lalibela. Der äthiopische Wallfahrtsort leistet sich eine stolze Eintrittsgebühr von 50 USD. Lalibela umfasst nicht weniger als elf Kirchen, die teilweise oder vollständig aus dem Fels geschlagen und mit diesem verbunden sind. Die bekannteste kreuzförmige Kirche “Bet Giyorgios” ist rein monolithisch, also aus einem Stück Stein gehauen. Jede einzelne Kirche beherbergt übrigens eine Kopie der Bundeslade, die im unzugänglichen Heiligtum aufbewahrt wird. Die Atmosphäre zwischen den fast tausendjährigen Gebetsstätten ist trotz Horden bettelnder Kinder auch heute noch von einer eigenartigen Magie erfüllt. Der Ort ist Anlaufstelle für viele christliche Pilger und Zentrum für diverse Messen und Rituale. So werden hier heiliges Brot gebacken, heiliges Wasser geschöpft und tote Pilger “begraben” (Teile der mumifizierten Leichen ragen aus Löchern in den Felsen um die Kirchen). 

Unzählige Legenden ranken sich um Lalibela. So soll eine Steinsäule hier viele Jahre lang geleuchtet haben, bis sie vor einiger Zeit erloschen ist. Da die besagte Säule in dreisprachiger Ausführung über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft berichtet, ist sie kurzerhand mit einem Tuch bedeckt worden. Der wissenschaftlichen Forschung wird kein Zutritt gewährt, nur den Touristen. Und diese kommen in Scharen an den kleinen Ort. Die örtlichen Priester ziehen sich in den dunklen Felsgrotten jedenfalls routiniert Sonnenbrillen an um dem Blitzgewitter der Tourgruppen zu begegnen. Eine vernünftige Reaktion, aber ein surrealer Anblick inmitten einer Stätte dieses ursprünglichen Christentums.

Auf dem Dach Afrikas

Wir sind auf 3200 Metern über dem Meeresspiegel und beginnen mit der viertägigen Wanderung in den Simien Bergen. Diese Berge sind ein UNESCO Weltkulturerbe (aber auf der Liste der gefährdeten, doch davon später mehr) und die höchsten Gipfel von Äthiopien befinden sich in der Gegend. Die Einheimischen nennen die Berge auch das Dach von Afrika. Wir sind zu viert unterwegs: nach Vorschrift begleitet Theo und mich ein bewaffneter “Scout” und da dieser kein Englisch spricht sind wir auch noch mit einem Guide unterwegs. Kurz nach Beginn bietet sich uns schon ein erstes Mal ein unglaubliches Panorama über Berge und Täler, die viel tiefer gelegen sind (aber doch noch auf 2000 Metern über Meer). Wir nehmen den Anfang gemütlich. Ich habe mir nämlich in den letzten Tagen eine Erkältung eingefangen und in Kombination mit der Höhe fühle ich mich ziemlich atemlos. Ein guter Grund die Aussicht umso mehr zu geniessen. Auf dem Weg zum ersten Camp begegnen wir einer Population von mehreren hundert Gelada Affen, die nur in Äthiopien leben und als einzige Primaten Gras fressen. Die Affen fürchten uns nicht und wir haben die Möglichkeit aus nächster Nähe die sozialen Tiere zu beobachten.

Schon bevor wir die Wanderung organisieren, wissen wir, dass die Simien Berge beliebt sind. Doch als wir im ersten Nachtlager in Sankaber ankommen, sind wir doch etwas erstaunt ungefähr 50 Zelte zu sehen. Die Stimmung erinnert eher an ein Festival als an zelten in der Wildnis. Es ist Mitte Nachmittag und auf gut 3200 Metern über Meer ist es immer noch sonnig warm, was sich aber mit Sonnenuntergang bald ändern wird. Daher essen wir früh. Wir (und die meisten anderen auch) leisten uns den Luxus eines Kochs, der mit einem Gaskocher in einer einfachen Hütte sehr gutes Essen zubereitet. Danach gibt es nicht mehr viel zu tun und wir entfliehen der Kälte in unsere warmen Daunenschlafsäcke.

Am nächsten Morgen ist unser Zelt von einer dünnen Eisschicht überzogen, die Temperaturen in der Nacht haben den Gefrierpunkt erreicht. Um 7.30 Uhr sind wir die erste Gruppe, die das Lager verlässt, da unser Guide hofft unterwegs mehr Antilopen beobachten zu können. Sobald die Sonne scheint ist es auch wieder T-Shirt Wetter. Wir haben Glück und können auf dem Weg zu einem 500 Meter hohen Wasserfall verschiedene Antilopen, wilde Hühner und Vögel beobachten. Ich fühle mich erholt nach der ersten Nacht und die Höhe macht mir keine Probleme mehr. Unterwegs erinnert sich unser Scout an die Zeit, als er hier im Bürgerkrieg stationiert gewesen ist. Er erzählt unserem Guide, dass er bei einer Gelegenheit auf Ermunterung der Vorgesetzten ungefähr 100 Gelada Affen erschossen hat, als Schiessübung. Unser Guide, der sich sehr für die Erhaltung des Nationalparks einsetzt, ist entsetzt und erklärt, dass sich aber die Population der Wildtiere seither wieder erholt hat. Die Scouts werden übrigens nach dem Zufallsprinzip den Wanderern mitgeschickt. Es sind ältere Männer, die in der Gegend wohnen und ein Gewehr besitzen. So kommt jeder Scout etwa vier Mal im Jahr die Gelegenheit etwas dazuzuverdienen.

Wir begegnen nicht wenigen Einheimischen auf unserem Weg. Das Berggebiet ist bewohnt, eine nicht asphaltierte Strasse führt mitten hindurch und dies ist auch der Grund, dass die UNESCO das Weltkulturerbe als gefährdet einstuft. Wir erfahren, dass nun Pläne geschmiedet werden, die Leute aus einem Dorf mittendrin umzusiedeln. Die Menschen hier sind Bauern, bauen Gerste an und besitzen etwas Vieh. Die Hütten sind einfach und Strom oder fliessendes Wasser sucht man vergeblich. Wir sind aber skeptisch als wir erfahren, dass die Leute am neuen Ort zwar Land für Häuser bekommen, aber nicht genügend Land um Landwirtschaft zu betreiben. Unser Guide erklärt, sie würde mit Geld entschädigt werden und könnten ja dann Händler werden.

Wir merken zudem wieder einmal, dass der Tourismus nicht nur gute Spuren hinterlässt. Mitten in der Wildnis begegnen wir auch vielen Kindern, die uns Souvenirs verkaufen wollen. Ein trauriger Anblick, da wir wissen, dass sie doch eigentlich in der Schule sein sollten.

Am frühen Nachmittag erreichen wir unser zweites Nachtlager mit etwas weniger Zelte als am Tag zuvor. Wir sind schneller unterwegs als der Guide gerechnet hat. Das Lager befindet sich auf einer kleinen Ebene in der Nähe von Geech, dem Dorf, das umgesiedelt werden soll. Wir sind nach einigem auf und ab auf 3600 Metern über Meer angekommen und den Elementen stärker ausgesetzt. Wir werden dafür aber mit einem wunderschönen Sonnenuntergang und Sternenhimmel entschädigt.
Der dritte Tag gilt als der anstrengendste und als (erster) Höhepunkt. Wir erklimmen den fast 4000 Meter hohen Gipfel Imet Gogo mit einer 360 Grad Aussicht, die enorm ist. Die Gegend erinnert in eine Richtung an die Nationalpärke im Westen der USA (aber begrünt), in eine andere Richtung an die Schweiz und ist doch einzigartig. Wir haben aber die magische 4000er Grenze noch nicht überschritten. Dies soll nun mit dem nächsten Gipfel der Fall sein. Diesen müssen wir uns aber zuerst mit einem Abstieg und einem etwas anstrengenderen Aufstieg zuerst verdienen. Unser Mittagessen geniessen wir dann auf dem Gipfel Innatye auf 4070 Metern über Meer.

In Chenek auf mehr als 3600 Metern über Meer erreichen wir unser letztes Nachtlager. Die oben erwähnte “Strasse” oder besser gesagt Fahrweg führt mitten hindurch. Der Verkehr hält sich aber in Grenzen. Wir sehen einen Bus und den einen oder anderen Lastwagen, auf deren Ladeflächen auch Menschen mitfahren. Das Camp ist berühmt dafür, dass man in der Nähe Steinböcke beobachten kann. Wir sind fasziniert von den Tieren, die sich in fast senkrechten, mehreren hundert Meter hohen Steilwänden bewegen. Eigenlich wäre hiermit das Standardprogramm schon fast fertig, da eine lange Heimfahrt über eine beschwerliche Strasse ansteht. Wir bekommen aber die Chance am nächsten Morgen noch einen der höheren Gipfel, den Mount Bwahit (4430 m.ü.M.) zu besteigen. Oben angekommen geniessen wir die Aussicht auf Äthiopiens höchsten Berg während unser Guide telefoniert und der Scout versucht seine Familie im ungefähr zehn Kilometer entfernten Gebäude mit lauten Rufen auf sich aufmerksam zu machen. Er erzählt, dass er ungefähr acht Kinder hat (von mehreren Frauen).

Zurück im Lager machen wir uns auf die lange Fahrt zurück und verabschieden uns von den verschiedenen Teilnehmern unserer “Expedition”. Ich habe bis jetzt noch nicht vom Warentransport unseres Zelts, Essen und so weiter erzählt, der mit Maultieren vonstatten gegangen ist. Für uns werden vom Koch (der die Verantwortung trägt) drei Maultiertreiber und zwei Maultiere angeheuert. Auch dies sind Leute aus den Dörfern der Umgebung, die Maultiere besitzen. Da es mehr Leute mit Maultieren als Gewehren gibt, kommen die nur etwa zwei Mal im Jahr in den Genuss so ihr Geld zu verdienen. Übrigens einer unserer Maultiertreiber ist in seinem “richtigen Leben” ein äthiopisch orthodoxer Priester.

Nach langer Fahrt sind wir zurück in Gonder, dem Ausgangspunkt für die Simien Berge. Wir geniessen den verhältnissmässig warmen Abend und natürlich die warme Dusche, nachdem wir vier Tage ausser einigen Bächen kein fliessendes Wasser gesehen haben. Beim Abendessen bemerken wir, dass wir innerhalb 12 Tage den tiefsten und bis anhin höchsten Punkt unserer Reise erreicht haben.

Eine andere Seite Afrikas

Heute ist der 25. März 2006, 6:00 Mittags. In Äthiopien. Das einzige Land in Afrika, das nie kolonialisiert wurde, verfügt nicht nur über eine eigene Zeitrechnung, sondern ist auch kulturell, kulinarisch und religiös einzigartig. Auch wenn das Land heute noch zu den ärmsten der Welt zählt, sind die Bilder von hungernden Kindern und dürren Böden während der schlimmen Hungersnot im Bürgerkrieg der 80er Jahre lange vorbei. Unsere letzte Station in Afrika überrascht mit weiten grünen Feldern, fruchtbaren Landschaften und gemässigtem Klima. Ein Grossteil des Landes befindet sich über 2000 Meter über dem Meeresspiegel, womit wir die brütenden Hitze Dschibutis hinter uns lassen können.

Als wir in Addis Abeba landen, fühlen wir uns schon ein bisschen in einer anderen Welt. Die Hauptstadt gleicht einer riesigen Baustelle und bietet ein trostloses Bild. Wir haben noch nie so viele Bettler und insbesondere bettelnde Kinder in den Strassen gesehen, die auch mal versuchen mir die Hosensäcke zu leeren (wie schon in Skopje erfolglos). Wir besorgen uns eine lokale SIM Card, Vitamintabletten und Bustickets nach Bahir Dar und gönnen uns gutes italienisches Essen, ein Überbleibsel aus der italienischen Besetzung vor dem zweiten Weltkrieg (später mehr zur speziellen äthiopischen Küche).

Den nächsten Tag verbringen wir im Bus, die Fahrt dauert gerade einmal zwölf Stunden. Glücklicherweise kommen grad kurz vor Sonnenuntergang an, denn die Busse dürfen nicht in der Nacht fahren. Die kleine Stadt Bahir Dar liegt am Ufer des Tana Sees, der Quelle des blauen Nils. Der Tana See beherbergt viele alte Klöster der äthiopisch orthodoxen Kirche, die auf mich wie eine sehr ursprüngliche Form des Christentums wirkt. Deren Riten und Gebräuche haben sich wohl seit hunderten von Jahren kaum verändert. Der Tana See besticht aber nicht nur durch seine vielen Klöster, sondern auch durch die Natur. Ein Paradies für Vögel und weiteres Getier, wie Nilpferde, die sich gerne beim Ausfluss des blauen Nils tummeln.

In der Nähe des Sees toben die blauen Nilfälle (Tisissat-Wasserfälle), die zweitgrössten Wasserfälle des Kontinents. Bei den Fällen befindet sich heute jedoch ein Wasserkraftwerk, weshalb meist nur ein Rinnsal zu sehen ist. Zudem befinden wir uns am Anfang der Trockenzeit. Die Einheimischen nennen die Fälle um diese Zeit normalerweise die “Blue Nile Shower”. Es kommt jedoch anders: Noch vor kurzem hat es geregnet und das Wasserkraftwerk leidet unter “mechanical problems”. Wir sehen die Fälle daher in all ihrer Wucht. Die von Helvetas gesponserte Brücke führt uns praktisch unter die Wassermassen in einen gewaltigen Nebel. Wirklich imposant.

Vom Strandleben zwischen Kriegsschiffen und Walhaien

Dschibuti zum Zweiten. Nach einigen Tagen mit vielen Autokilometer über nicht asphaltierte Strassen ist es nun an der Zeit etwas auszuspannen. Wir sind in der staubigen Stadt Dschibuti, morgens um 8 Uhr ist es für hiesige Verhältnisse noch kühl (sprich ungefähr 30 Grad). Wir suchen eine Reiseagentur, die uns die Fahrt und die Unterkunft auf die nahegelegenen Inseln Moucha organisieren kann. An der ersten Adresse heisst es, dass sie zwar zur dieser Agentur gehören, wir hier aber nicht buchen können. Mir sind die Gründe zwar nicht ganz klar, aber wir machen uns dennoch mit Gesamtgepäck auf, das zweite Büro zu suchen. Dieses befindet sich im teuersten Hotel der Stadt und wir werden doch etwas komisch angeschaut als wir verschwitzt nach 30 Minuten Spaziergang mit unseren Rucksäcken auf dem Rücken dort eintreffen. Nach einer interessanten Verhandlung steht fest, dass wir die nächsten 7 Tagen auf der Insel verbringen werden. Nach einer 20 minütigen Bootsfahrt kommen wir auf der kargen Insel an.

Die Insel ist ausser einigen wenigen Häusern, den Bungalows der Unterkunft und vielen Vögeln und Fliegen unbewohnt. Wir setzen uns an den Strand, lesen und geniessen die doch etwas spezielle Aussicht. In Dschibuti befinden wir uns in Mitten einer der Brennpunkte dieser Welt, umgeben von Ländern wie Somalia bzw. das nicht anerkannte Somaliland, Eritrea und Jemen auf der anderen Seite der Meerenge. Frankreich unterhält schon seit längerer Zeit eine Militärbasis; andere Länder wie die USA, Japan oder Deutschland sind gefolgt und uns wird erzählt, dass auch schon russische Kriegsschiffe gesehen wurden. Vom Strand “bewundern” wir nun also Kriegsschiffe, Militärflugzeuge sowie Helikopter und bei Fahrten zu Land und zu Meer kommen wir an vielen militärischen Einrichtungen vorbei. Auch zivile Frachtschiffe tuckern in grösserer Zahl vorbei.

Auf der Insel werden wir in Vollpension verpflegt, am Mittag und am Abend werden drei Gänge serviert. Wir sehen im Menuplan, dass in Dschibuti nicht viele Lebensmittel hergestellt werden und vieles importiert werden muss. Wir kommen in den Genuss von allen möglichen Dosenprodukten über Thon, Erbsen, Bohnen bis zum pürierten Fruchtsalat als Fruchtsaft zum Morgenessen. Die Qualität des Essens war aber wider Erwarten sehr gut und der lauwarme, frischgebackene Schokoladenkuchen ein Traum.

Dschibuti bietet neben Salzsee, Wüste und Vulkanformationen auch eine interessante Unterwasserwelt. Besonders bekannt und berühmt sind die vielen Walhaie, die im November bis Januar in der Bucht anzutreffen sind. Wir sind per Zufall zur richtigen Saison da und somit buchen wir uns einen Schnorchelausflug um den grössten Fischen der Welt zu begegnen. Nach relativ kurzer Fahrt in der Nähe der Küste und unweit von der Wasseroberfläche sehen wir dann schon bald das typische gepunktete Muster und alle Teilnehmer setzen sich Brille und Schnorchel auf und hüpfen ins Wasser. Der erste Walhai, den wir sehen, hat es aber relativ eilig wegzukommen und so gehen wir bald ins Boot zurück.

Ein paar Minuten später werden wieder Walhaie gesichtet und dieses Mal sind sie neugierig und bleiben lange Zeit um uns herum. Wenn ich von der Mehrzahl spreche, dann haben wir wahrscheinlich ein Dutzend dieser Fische um uns herum, was teilweise schon fast etwas beängsigend ist, da sie sehr nahe an uns herankommen (dennoch versuchen wir einen Minimalabstand zu wahren um sie nicht zu belästigen). Wir schwimmen, schnorcheln und geniessen diese sehr spezielle Erfahrung.

Es sind nicht sehr viele Touristen, die sich nach Dschibuti verirren. Wir fallen auf in der Stadt und nach ein paar Stunden wussten schon alle Einheimische, wer wir sind, wo wir waren und wohin wir wollen. Die Einheimischen sind aber auch sehr freundlich und fröhlich und wir haben viele lustigen Begegnungen. Vielleicht liegt das auch daran, dass ein grosser Teil der (männlichen) Bevölkerung regelmässig Khat (eine Pflanze mit stimulierenden Eigenschaften) konsumiert. Auch die wenigen Touristen lernen wir fast alle kennen – man trifft sich zum Beispiel auf dem Walhaiausflug. Die erste Frage untereinander lautet immer: “Warum bist du nach Dschibuti gekommen?”. Die Geschichten sind sehr unterschiedlich, haben aber immer etwas mit einem Zufall zu tun, wie auch bei uns. Wir haben das Dschibuti Kapitel im Reiseführer von Äthiopien gelesen und haben uns gedacht wir müssen da hin. Wir haben es gar nicht bereut, nein es war ein Land, das uns sehr gut gefallen hat.