Phonsavan: Von Steinkrügen und Folgen eines geheimen Krieges

Wir machten uns auf den Weg nach Phonsavan in der Provinz Xieng Khuang um in die ältere und neuere Geschichte von Laos einzutauchen. Wie einige von euch schon gemerkt haben, gibt  es zu den meisten unserer (Bus)Reisen eine Anekdote zu erzählen. So auch hier. Wir entschieden uns die zehnstündige Fahrt über Nacht anzutreten. Als wir den Bus erblickten, der uns nach Phonsavan bringen sollte, wussten wir nicht recht, ob wir anstelle eines “Sleeper” Buses einen Partybus gebucht hatten oder aber direkt zu Harry Potter entführt wurden. Im Innern des Buses brannten Lämpchen in allen Farben und die hämmernde, laute Musik passte nicht zu den Bettliegen, mit denen der Bus bestuhlt war. Zum Glück waren die doppelstöckigen Liegen im Unterschied zu Harry Potters “Knightbus” fest mit dem Boden verschraubt, so dass auf der anschliessenden sehr kurvenreichen Fahrt nur wir und nicht die ganzen Betten herumgeschleudert wurden. Nachdem die Lämpchen gelöscht waren und die Technomusik asiatischen Schnulzen weichen musste, konnten wir dann doch schlafen und waren erstaunt als wir nach sieben statt zehn Stunden unser Ziel mitten in der Nacht schon erreicht hatten.

Jetzt können wir das Rad der Zeit bis in die Eisenzeit zurückdrehen. Aus dieser Zeit stammen nämlich die tausenden, riesigen Kalksteinkrüge, für welche die Gegend berühmt ist. Verschiedene Legenden und Geschichten ranken sich um diese Krüge, wobei heute aber davon ausgegangen wird, dass es sich um Urnen oder Grabsteine handelt, die circa 1500 bis 2500 Jahre alt sind. Einige der 160 nummerierten Stätten sind zugänglich. Die Krüge sind häufig auf Hügeln zu finden, was auch als Indiz gilt, dass es effektiv um Friedhöfe und nicht etwa um Gärbottiche für leckere Getränke handelt. Denn auch heute noch sind Friedhöfe häufig auf Hügeln zu finden.

Am nächsten Tag machten wir uns also in einer Kleingruppe mit Guide auf diese Krüge zu finden. Uns wurde im Vorfeld auch versprochen, dass wir einen Steinbruch besichtigen könnten, wo diese Krüge hergestellt worden waren und einige halbfertige Krüge zu sehen wären. Als wir dann jedoch von Stätte 3 in Richtung des Steinbruch gehen sollten, merkten wir, dass unser vom Reisfeld herbeigerufene Ersatzguide (der andere war am Morgen aus Krankheitsgründen nicht erschienen) keine Ahnung hatte, wo genau er durchgehen sollte. Zwei kleine Mädchen aus dem Dorf, die uns begleiteten, wussten auch nicht weiter. Nach eineinhalb Stunden Wartezeit erschien dann ein Mann aus dem Dorf, der uns hinführen sollte. Doch auch der lief mit seiner Machete in verschiedene Richtungen – der Pfad war anscheinend überwachsen und mir wurde immer mulmiger.

Nun um die ganze Situation zu verstehen müssen wir das Rad der Zeit wieder vorwärts drehen, genauer gesagt in die sechziger und siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Im Nachbarland tobte zu dieser Zeit der Vietnamkrieg und gleichzeitig in Laos, von der Weltöffentlichkeit lange nicht wahrgenommen, der sogenannte “Secret War”. Die USA bombardierte das Land während neun Jahren (1964-1973) aufs Intensivste. Wir lasen, dass die Amerikaner mehr Bomben über Laos abgeworfen haben als während des zweiten Weltkriegs über Japan und Deutschland zusammen. Ein Grossteil davon waren Streubomben, wobei ungefähr 30% der Streumunition, sogenannte Bombies, nicht detoniert sind und daher bis heute ein grosses Problem darstellen. Unfälle ausgelöst durch die Bombies sind leider immer noch an der Tagesordnung und die am stärksten bombardierten Provinzen leiden auch bezüglich der Entwicklung von Infrastruktur und Landwirtschaft.

Zurück in die Gegenwart. Die Krüge aus der Eisenzeit befinden sich mitten in der meistbombardiertesten Provinz und es wird geraten auf vielbegangenen Wegen und Strassen zu bleiben. Wir folgten also unserem neu hinzugerufenen lokalem Guide durchs Unterholz und Gebüsch, ein Pfad war nicht erkennbar. Ich fand diesen Marsch durch “Bombie-Gebiet” je länger je weniger vertrauenserweckend. Daher entschied ich mich, den Steinbruch nicht mit eigenen Augen anzusehen. Der Tag war auch sonst sehr intensiv, da die Krüge nicht isoliert von der näheren Geschichte angesehen werden konnten. Bombenkrater bedeckten die gesamte Gegend. Überreste von den Bomben wie Hüllen waren überall ausgestellt. Die lokale Bevölkerung verwendete den Kriegsschrott auch kreativ weiter, zum Beispiel als Trog für Tiere, Pfahl eines Hauses, Besteck oder Schmuck. Letztere wurde durch Einschmelzen von aluminiumhaltigen Kriegsschrott hergestellt und auch an Touristen verkauft.

Am Abend besuchten wir das örtliche Museum einer Organisation (Mines Advisory Group), die sich für die Entfernung der Bomben einsetzt. Wir schauten uns mehrere Dokumentationen an, wie zum Beispiel die in Laos eigentlich zensierte “The most secret place on earth”. Dementstprechend waren wir danach ziemlich ernüchtert.

Am nächsten Tag ging die Reise weiter in die Hauptstadt Vientiane und auch hier gibt es wieder eine Geschichte zur Busfahrt. Eine beängstigende. Wir wählten die Strecke über eine neue Strasse, die angeblich wenig kurvenreich sein sollte, was aber nicht ganz stimmte. Die Strasse war eben doch sehr kurvig und führte durch hügeliges Gelände mit tiefen Abgründen. Unser Busfahrer fuhr wie jemand, der gerade die zweite Fahrstunde absolviert hat. Wir hatten das zweifelhafte Glück das Ganze aus der vordersten Reihe mitzuverfolgen und waren wahrscheinlich die ersten Leute, die sich in diesem Bus je die Sitzgurte angeschnallt hatten. Als dann die Musik eine sogar für Laos bedenkliche Lautstärke annahm und der Fahrer lachte, schrie und sich auch sonst sehr sonderbar benahm, fragten wir uns, ob er eventuell auch noch bewusstseinsverändernde Substanzen eingenommen hatte. Glücklicherweise wurde er nach dem Mittagessen vom zweiten Fahrer abgelöst, der zwar auch eine Kurve als geeigneten Ort für Überholmanöver erachtete, insgesamt aber doch viel sicherer fuhr. Und so erreichten wir schlussendlich Vientiane.

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One thought on “Phonsavan: Von Steinkrügen und Folgen eines geheimen Krieges

  1. Hallo,
    haben eben euren letzten Bericht gelesen und sind up-to-date! Wir freuen uns, euch bald zu sehen und wünschen euch eine gute Reise in die Schweiz zurück. Bis bald und herzliche Grüsse,
    Leena und Anthony

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