Hauptattraktionen

Wir sind in der berühmten Stadt Esfahan angelangt, der Topattraktion des Landes neben Persepolis. Esfahan ist zu Recht ein Touristenmagnet: Imposante Moscheen, Brücken und Paläste stehen heute noch für den letzten Höhepunkt des persischen Reiches im 16. Jahrhundert. Bilder sagen hier wohl mehr als Worte. Trotz der zweifellosen Qualität der Sehenswürdigkeiten machen sich bei uns aber erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar, da wir in den letzten Wochen doch sehr schnell unterwegs waren und viel gesehen haben. Um dem entgegenzuwirken, verlangsamen wir unser Tempo und verbringen auch mal ein paar Stunden in einem schönen persischen Garten und lesen ein Buch. Während Anne von der islamischen Architektur begeistert ist, kommt bei mir trotz der Schönheit der Gebäude weniger Hochstimmung auf. Ich erlebe die historischen und architektonischen Schätze als ein bisschen mehr vom selben und mache mir Sorgen zu einem Kulturbanausen zu verkommen.

Gemäss unserem Reiseführer ist eine weitere “Hauptattraktion” im Iran: “Meeting the people”. Tatsächlich treffen wir und sprechen mit äusserst vielen Einheimischen. Die meisten Iraner, mit denen wir ins Gespräch kommen, wollen an irgendeinem Punkt wissen, was wir vom Land halten. Sie sind sehr besorgt über das vermeintlich negative Bild, dass viele Westler von Iran zu haben scheinen. Umgekehrt fragen wir uns, wieviele Iraner sich ihr eigenes Bild vom Ausland anhand von Hollywood Filmen und anderen Filmchen, die sie sich im Internet holen, machen. So jedenfalls erklären wir uns ein paar schräge Begegnungen. Ein Mann etwa, der sehr sich sehr aufdringlich zu uns setzt, versucht bei der Verabschiedung Anne zu küssen, was glücklicherweise abgewendet werden kann. Denkwürdiger ist der junge Mullah (ein islamischer Lehrer in traditioneller Kleidung mit Turban und Umhang), der mir nach einem Besuch in der Moschee und Diskussionen über Religion seine Schwulenpornobilder auf dem Handy zeigen will. Überall sonst auf der Welt würde ich über diese Situation lachen, hier hat sie etwas leicht Beängstigendes, da homosexuelle Handlungen im Iran mit härtesten Strafen bedroht sind (100 Peitschenhiebe bis Todesstrafe).

Die meisten Leute, die den Iran schon bereist haben und die wir vor unserem Trip getroffen haben, beschrieben uns die Iraner als die gastfreundlichsten, offensten und nettesten Menschen. Vielleicht sind wir diesbezüglich etwas verwöhnt aus dem Balkan, doch sehen viele unserer Erfahrungen nicht ganz so rosig aus. Ich frage mich, ob ich zu kühl bin mich gegenüber den herzensguten Iranern zu wenig öffne. Allerdings machen viele Reisende, die wir im Land treffen ähnliche Erfahrungen. Die schlimmsten Geschichten kommen von Chinesinnen, die berichten, dass sie wie Freiwild behandelt werden. Die üblichen Touristenabzocker sind hier in ungewöhnlich hoher Zahl vorhanden, was ich mir mit den immens gestiegenen Lebenskosten im Iran erkläre. Die Finanzsanktionen des Westens bescheren dem Land seit 2011 wieder eine jährliche Teuerung von 30 bis 50%. Der iranische Rial hat seit Anfang 2012 gegenüber dem Dollar die Hälfte seines Werts eingebüsst. Das spüren alle. Umgekehrt hat der Iran für Reisende mittlerweile ein Preisniveau vergleichbar mit den günstigsten südostasiatischen Staaten. Daher lassen wir uns von ein bisschen Abzocke nicht verbrämen und lassen ab und zu mal Fünfe gerade sein.

Ansonsten bleiben die meisten unserer Begegnungen bei freundlichem Small Talk (“Where are you from?” und “What do you think about Iran?”), ausser jemand will gerade seine Französisch- oder Englischkenntnisse ausprobieren. Oft können wir auf die nette Hilfe von Passanten zählen, wenn wir gerade wieder einmal eines der spärlich gesähten Restaurants oder Wechselstuben nicht finden. Höflichkeit ist hierzulande ein wichtiges Gut. Es besteht ein Verhaltenskodex, genannt “Ta’arof”, der vordergründige Rituale erfordert, die meist aber nicht so gemeint sind. Ein gutes Beispiel ist, dass Iraner oft anbieten für uns zu bezahlen oder uns zum Essen einzuladen. Doch ist dies in den meisten Fällen nicht wirklich so gemeint, sondern nur eine Floskel; es wird erwartet, dass wir ablehnen. Wenn jemand das Angebot nicht mindestens drei Mal insistierend wiederholt, handelt es sich um “Ta’arof”. Zum Leidwesen und manchmal Schock der Iraner realisieren das viele Reisende nicht und nehmen sofort dankend an. Man kann also durchaus im eigenen Land einen Kulturschock erleben.

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